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Charlotte Selver, Marion Rosen, Ilse Middendorf

Drei Pioniere der Körperarbeit

Charlotte Selver, Marion Rosen und Ilse Middendorf

Sensory awareness

Inspiriert von der Einladung nach Sensory awareness, organisiert von unserem Verband für Rosen – Methode, sitze ich hier präsent, seiend. Die Einladung über das Spüren zu sich zu kommen, ganz zu spüren, Arme „ärmeliger“ sein zu lassen, Raum in Gelenken spürend, Luft hindurchgehend, mittels neuen Wortkreationen, die mir vorher unbekannt waren, lerne ich diese erfahrungsbasierte Methode kennen. Welche von sich sagt, sie sei keine Methode. Wohl wissend, dass Worte irre führen können, geht es tief durch die Körperebene, jenseits des Verstandes, achtsam einladend in die innere Erfahrung geschehen zu lassen. Es geht darum, uns wachzurufen – den Körper und auch das ganze Wesen.

Das auf Charlotte Selver zurückgehende Sensory awareness ist wie die Arbeit von Marion Rosen von Elsa Gindlers Werk durchzogen.

Elsa Gindler: Die Mutter der Körper- und Atemarbeit 

Elsa Gindler wurde als Mutter der Körper- und Atemarbeit bezeichnet. Ihr Einfluss war groß: Wilhelm Reich, Fritz Perls, und andere kamen mit ihrer Arbeit in Berührung und wurden inspiriert.

Gindler war an Tuberkulose erkrankt und von ihrem Arzt hatte sie gesagt bekommen, sie habe nicht mehr lange zu leben, sie solle in die Schweiz, weil die Luft dort besser sei in den Bergen. In Berlin lebend mit wenig Geld schaffte sie es auf einen Bauernhof auf dem Land, wo sie für sich die Zeit verbrachte. Ihren Körper bewohnend, beobachtend, den Atem verfolgend. Dabei machte sie Entdeckungen, die mit Regeneration, Balance und Optimismus verbunden waren. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin gründete sie ihr „Laboratorium des Atmens“. Sie wurde um die 75 Jahre alt. 

Charlotte Selver lernte direkt von Gindler. Marion Rosen lernte von Lucy Heyer, was sie von Gindler gelernt hatte und Ilse Middendorf experimentierte schon als Jugendliche mit ihrem Atem. Sie fand Bestätigung in dem was sie tat, als ihr Lucy Heyer begegnete. Marion Rosen bezeichnet sich selbst als „Enkelin“ von Elsa Gindler.

Zu Lebzeiten von Marion Rosen (1914-2012) war viel im Gange was spätere Therapieformen, Körperarbeit und andere Lehren beeinflusste. Vertreter von Psychotherapie, Atemarbeit, Berührung und Bewegungen des Tanzes und der Gymnastik experimentierten, waren im Austausch und etliche körpertherapeutische Methoden entstanden.

Die Geschichte der Körpertherapie und ihre Einflüsse auf moderne Therapien

Grafik entnommen aus „Körperpsychotherapie: Grundlagen – Konzepte – Anwendungsgebiete“ Dissertation Andrea Werner (2023).

Was haben Methoden der Körpertherapie gemeinsam?

Methoden der Körpertherapie ist es gemeinsam über das Spüren, das Wahrnehmen des Körpers – über die Körperwahrnehmung – Zusammenhänge zur eigenen Person, über Verhalten, Grundüberzeugungen und Glaubensmuster zu erkennen. 

Wie die unterschiedlichen Methoden mehr in das Spüren bringen ist unterschiedlich. Es gibt sogenannte berührende und nicht berührende Wege über

  • Berührung – ähnlich einer Massage
  • verbale Anleitung – wie bei einer geführten Meditation oder einer Körperreise 
  • Bewegung 

Sensory awareness ist ein nicht berührender Weg über verbale, einladende Anleitung sich zu spüren. Die Rosen – Methode® ist eine Körperarbeit, die über Berühren und wertschätzende verbale Begleitung zu vermehrter Körperwahrnehmung führt. Das Rosen-Movement® nutzt achtsame Bewegung zu Musik. Alle führen zu Erkenntnissen und Einsichten über sich selbst (Verhalten, Prägungen, Überzeugungen) durch vermehrte Körperwahrnehmung – bottom-up, von unten nach oben. Während Gesprächstherapien top-down mittels der Verstandesebene herangehen. 

Was ist bottom-up verglichen mit top-down?

Bottum-up und top-down beschreiben die Herangehensweisen wie Dinge aus dem Unbewussten bewusst werden können.

Psychotherapien und Methoden, die über Anleitung und Worte, Verhaltensweisen und Grundüberzeugungen bewusst machen wollen, gehen über den Weg der Gedanken und werden daher als top-down bezeichnet – von oben nach unten.

Körpertherapien, welche mit Körperarbeit gleichgesetzt werden, gehen Bottom – up  vor. Das bedeutet, dass über die Körperwahrnehmung andere Hirnareale und Netzwerke aktiviert werden als über die verbale Herangehensweise. Die ersten Lebenserfahrungen werden über Berührungen und Körpererfahrungen gemacht. Das Denken wächst wie der Säugling mit den Jahren heran. Diese frühen ersten Erfahrungen sind prägend für das spätere Verhalten und die Bildung von Grundüberzeugungen (Prägungen, Glaubenssätze). Daher scheint es plausibel, dass Methoden, die über die Körpererfahrung und Körperwahrnehmung herangehen, diese besser erreichen. Sie werden Bottom – up – von unten nach oben – genannt und können eine Gesprächspsychotherapie unterstützen.

Das Körpergedächtnis 

In diesem Zusammenhang wird häufig vom Körpergedächtnis gesprochen. Was natürlich nicht meint, dass frühere Erfahrungen in Muskeln gespeichert sind, sondern vielmehr davon ausgeht, dass der Körper, das Denken, das Gehirn und die Seele im Sinne der Psychosomatik miteinander verbunden sind und ein Netzwerk, einen Organismus, der untrennbar ist und in seiner Funktion, in seiner Verbundenheit sich aufeinander einstimmt, interagiert und aufeinander reagiert.

Stress im Kopf, in Gedanken wirkt sich auf den Körper aus in Form eines schnelleren Herzschlages, eines höheren Muskeltonus, mit Verspannungen, vielleicht mit Ängsten oder innerer Unruhe verbunden. Und umgekehrt kann Bauchgrummeln zu unwohlen Gedanken und Ängsten führen. Eine Verletzung kann hinderliche Gedanken wachrufen und zu schützenden Verspannungen um die Verletzung führen.

Was sich als Gemeinsamkeit in Methoden der Körperarbeit wiederfindet, ist es Räume zu öffnen. Sowohl muskulär, faszial und knöchern, sowie tiefer gehend innerlich, bezogen auf mentale Räume, Prägungen und tieferen Empfindungen und Erfahrungen.

Der Atem ist die Verbindung von Körper, Geist und Seele. Es ist der Atem, den wir geschehen lassen und eine Verbindung zum unbewussten (autonomen) Nervensystem hat! (angelehnt an Middendorf im Interview).

Wie geht Spüren?

Der Einladung nach dem Sensory awareness folgend, ertaste ich einen Stein in der Größe einer Kartoffel mit der Hand. Er liegt vor mir, so dass ich ihn anstrengungslos berühren kann. Ich nehme die Konturen wahr. Er fühlt sich glatt und kalt an. Ich nehme den Stein mit meiner gesamten Handfläche wahr, ihn zunächst ertastend und nehme dann Kontakt auf, so wie  ich es nach der Rosen – Methode® mit meinen Patienten tue. Ich berühre mit meiner Präsenz in der Hand. Der Stein fühlt sich allmählich warm an. Die Konturen verschwimmen. Eine Verbindung entsteht.

Was ist Präsenz?

Wenn ich in meiner Hand präsent bin, nehme ich nur wahr, spüre, fühle und denke nicht nach. Ich bin ganz da. Ich bin mir gewahr, meiner selbst, des Körpers, des anderen, in diesem Fall des Steines, vielleicht von noch etwas mehr. Ich bin wach, mir bewusst, nicht übererregt, gelassen, bereit zu handeln, wenn nötig, aber nicht in Hab-Acht. Ich bin in einer „natürlichen Gespanntheit“, wie Charlotte Selver sagen würde – weder schlaff noch verspannt. Immer wieder höre ich in der Anleitung „wach rufen“, „eine Wachheit“. Ich frage mich: „Bin ich anwesend?“

Während dieser Erfahrung mit dem Stein werde ich in der Anleitung eingeladen, den Stein anzuheben. Ich hebe den Stein an, senkrecht nach oben, er entgleitet mir. Wieder und wieder versuche ich es. So wie man denken würde einen Stein anzuheben. Doch er entgleitet mir wieder und wieder aus meiner nach unten geöffneten Hand, den Stein mit den Fingerspitzen haltend. Mein Bedürfnis ist es den Stein anstrengungslos anzuheben, ohne dass er mir entgleitet. Also entsteht in meinem Körper die Bewegung, den Stein geradewegs anzuheben, in der Luft zu drehen, so dass er in meiner Handfläche liegt und mit meinem Körper wie eins wird, verschmilzt und durch die Luft geht, ohne Anstrengung, ohne dass er mir entgleitet. Etwas spielerisches entsteht, Freude ist fühlbar und eine Natürlichkeit, die tief geht, frei von Gedanken, ganz im Sein, existierend, präsent und lebendig. 

Diese Arbeit geht tief, tiefer als der Körper, jenseits von Gedanken, in andere Erfahrungsschichten durch Gefühle hindurch.

Das kenne ich von der Rosen – Methode®. Sie und Sensory awareness scheinen sich zu ähneln, vielleicht geprägt durch ihre gemeinsamen Wurzeln in Elsa Gindler’s Arbeit. Sie gehen tief, tiefer als Verhaltensweisen, und doch zeigen sie in ihrer Gesamtheit psychosomatische Zusammenhänge auf. Sie schaffen Bewusstheit wo Dinge vorher vielleicht unbewusst waren, schaffen Lebendigkeit wo vorher der Körper noch nicht belebt war.

Im verlinkten Video sitzen 3 Pionierinnen der Körperarbeit auf einer gemeinsamen Bühne und berichten von dem was sie ausmacht – Charlotte Selver, Marion Rosen und Ilse Middendorf:

Zum Video

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